Interdisziplinäre Expertise für komplexe Erkrankungen der Extremitäten
Aufgrund des demografischen Wandels und zunehmend komplexer Krankheitsbilder hat das Evangelische Krankenhaus ein interdisziplinäres Extremitätenboard ins Leben gerufen. In diesem Forum arbeiten Fachbereiche wie Unfallchirurgie, plastische Chirurgie, Neurochirurgie und Radiologie zusammen, um schwierige Fälle an Armen und Beinen fachübergreifend zu bewerten. Das Konzept orientiert sich an etablierten Tumorboards und zielt darauf ab, die Behandlungsqualität sowie Patientensicherheit durch gebündelte Expertise zu steigern. Neben der internen Versorgung dient das Board auch als spezialisierte Anlaufstelle für externe Kliniken und niedergelassene Ärzte.
Von Christian Goldmann und Joanna Hitz
Der demografische Wandel stellt Krankenhäuser zunehmend vor neue Herausforderungen: Die Zahl älterer Patientinnen und Patienten mit multiplen Begleiterkrankungen steigt kontinuierlich. Parallel dazu nehmen komplexe knöcherne und weichteilige Erkrankungen sowie Verletzungen der oberen und unteren Extremitäten deutlich zu. Diabetes mellitus, arterielle Durchblutungsstörungen, Osteoporose oder kognitive Einschränkungen beeinflussen nicht nur den Heilungsverlauf, sondern erschweren auch die Wahl einer geeigneten Therapie erheblich.
Gerade in solchen Konstellationen stoßen rein fachdisziplinäre Behandlungsansätze an ihre Grenzen. Unterschiedliche operative und konservative Optionen müssen sorgfältig gegeneinander abgewogen werden, häufig unter Berücksichtigung erhöhter Risiken und individueller funktioneller Ziele. Eine patientenzentrierte Versorgung erfordert daher eine enge Abstimmung verschiedener Fachrichtungen und eine gemeinsame Entscheidungsfindung auf hohem medizinischem Niveau.
Komplexe Rahmen strukturiert vorgestellt
Vor diesem Hintergrund wurde am Evangelischen Krankenhaus ein interdisziplinäres Forum geschaffen, das sich gezielt mit besonders anspruchsvollen rekonstruktiven Fragestellungen an Armen und Beinen befasst – das Extremitätenboard. In diesem Rahmen werden komplexe Fälle strukturiert vorgestellt, gemeinsam analysiert und fachübergreifend bewertet. Die regelmäßigen Sitzungen finden in der Regel im zweiwöchentlichen Rhythmus statt; die erste Zusammenkunft war am Anfang dieses Jahres.
Konzeptionell orientiert sich dieses Format an den seit Jahren etablierten Tumorboards aus der onkologischen Versorgung. Dort hat sich gezeigt, dass multidisziplinäre Fallbesprechungen zu einer höheren Behandlungsqualität, transparenteren Entscheidungen und einer verbesserten Patientensicherheit beitragen. Dieses bewährte Prinzip wird nun auf komplexe Erkrankungen und Verletzungen der Extremitäten übertragen.

In regelmäßigen Sitzungen kommen die Akteure des Extremitätenboards zusammen, um über aktuelle Behandlungsfälle zu sprechen.
Initiiert wurde das interdisziplinäre Gremium von Dr. med. Lucian P. Jiga, Klinikdirektor der Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Handchirurgie, sowie von PD Dr. med. Oliver Pieske, Klinikdirektor der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Sporttraumatologie. Beteiligt sind darüber hinaus die Universitätsklinik für Neurochirurgie sowie das Institut für Radiologie und Neuroradiologie. Durch diese breite fachliche Aufstellung können sowohl knöcherne, weichteilige, neurochirurgische als auch bildgebende Aspekte in die Entscheidungsfindung einbezogen werden.
„Mit diesem interdisziplinären Ansatz bündeln wir die vorhandene Expertise im Haus und schaffen eine verlässliche Struktur für komplexe Fragestellungen“, erläutert Dr. med. Lucian P. Jiga. „Gerade bei schwierigen Ausgangssituationen ist der gemeinsame Blick entscheidend, um tragfähige Lösungen zu finden.“
Höhere Sicherheit dank unterschiedlicher Sichtweisen
PD Dr. med. Oliver Pieske ergänzt: „Der große Mehrwert liegt darin, dass unterschiedliche Sichtweisen frühzeitig zusammenkommen. Das erhöht die Sicherheit unserer Entscheidungen – und kommt letztlich den Patientinnen und Patienten zugute.“
Besprochen werden insbesondere Fälle, bei denen mehrere therapeutische Wege denkbar sind, ein erhöhtes Komplikationsrisiko besteht oder der bisherige Heilungsverlauf unbefriedigend ist. Ziel ist es, auf Basis der gebündelten Expertise eine gemeinsam getragene, klare Empfehlung für das weitere Vorgehen zu erarbeiten und diese transparent zu dokumentieren.
Neben der Optimierung der internen Patientenversorgung versteht sich das Angebot ausdrücklich auch als Anlaufstelle für zuweisende Kliniken sowie für niedergelassene Kolleginnen und Kollegen. Durch die strukturierte interdisziplinäre Beurteilung können auch externe Anfragen von der im Haus vorhandenen spezialisierten Expertise profitieren.
