Wenn Scham in die Isolation führt

Es gehört Mut dazu, sich dem Thema der Harninkontinenz zu stellen. Die Frauenklinik des Evangelischen Krankenhauses hilft betroffenen Patientinnen, die richtige Therapie für sich zu entwickeln, mit der sie wieder ins Leben zurückfinden.

Von Christian Goldmann

Einmal niesen oder lachen reicht, und schon ist das passiert, wovor sich viele Frauen fürchten. Jede dritte Frau über 55 Jahren ist von Funktionsstörungen des Beckenbodens und damit vor allem auch von Harninkontinenz betroffen, Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. „Das Thema ist nach wie vor mit viel Scham behaftet“, sagt Dr. Hansjörg Augenstein, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Ärztlicher Direktor am Evangelischen Krankenhaus (EV).

Die Frauenklinik gehört seit über 20 Jahren zu den führenden Kliniken Deutschlands auf dem Gebiet der Urogynäkologie – ein Spezialbereich in der Frauenheilkunde, der sich mit der Schwächung des Beckenbodens beschäftigt. „Viele Betroffene suchen sich erst spät Hilfe. Dabei verschlechtert sich der Zustand ohne Behandlung immer weiter“, warnt der Mediziner.

„Der Beckenboden ist quasi der Deckel nach unten“, erklärt Dr. Augenstein. Besonders bei angeborener Bindegewebeschwäche, länger andauernden Belastungen wie Schwangerschaften und Übergewicht kann die Haltefunktion geschwächt sein. Das äußert sich vor allem durch Senkungsbeschwerden und Inkontinenz.

Arzt hält Modell eines Beckens

Ein komplexes Zusammenspiel aus Bindegewebe, Muskeln und Knochen. Dr. Hansjörg Augenstein, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe, mit einem Modell des Beckenbodens.

Auch junge Frauen sind betroffen

„Bei Senkungsbeschwerden fühlen sich die Patientinnen, als ob unten alles rausfällt, eine Art Schweregefühl“, erläutert der Gynäkologe. Neben Urin- und Stuhlinkontinenz gehören auch ständiger Harndrang, Blasenentzündungen, Juckreiz und Schmerzen zu den möglichen Symptomen. „Betroffen sind dabei auch jüngere Frauen“, sagt Dr. Augenstein, zu dessen Patientinnen auch Frauen um die 30 Jahre gehören.

Es gibt verschiedene Ausprägungen, die jedoch alle die Lebensqualität einschränken. Bei der Belastungsinkontinenz führen schon kleinere körperliche Aktivitäten, wie Husten oder Treppensteigen dazu, dass es zu unkontrolliertem Urinverlust kommt. Dies führe häufig dazu, dass sich die Frauen aus dem sozialen Leben zurückziehen und isolieren, sich beispielsweise nicht mehr trauen, Sport zu machen.

Betroffene Frauen brauchen eine Überweisung von einem Facharzt, damit sie in die Sprechstunde der gynäkologischen Ambulanz des EV kommen können. Dort nimmt sich der Chefarzt besonders viel Zeit, um Vertrauen herzustellen und die beste Lösung für jeden individuellen Fall zu besprechen. Zu den klassischen Untersuchungen gehören Ultraschall, Blasenfunktionsmessung, Urinuntersuchung und Blasenspiegelungen.

Erfolg bei über 90 Prozent der Frauen

Die Frauenklinik bietet das gesamte operative Therapiespektrum an, wobei in der Regel zunächst konservative Methoden ausgeschöpft werden. Dazu gehören unter anderem Medikamente, Salben, Elektrostimulation sowie Beckenbodentraining und Physiotherapie.

„Durch eine Operation lässt sich der Bereich anatomisch wieder herstellen, aber zu einer ganzheitlichen Behandlung gehört mehr“, betont Dr. Augenstein. Bei der operativen Behandlung hat vor allem die Routine und Expertise der Mediziner eine entscheidende Bedeutung. „Wir führen bei uns diese Operationen täglich mehrfach durch. Bei über 90 Prozent der Patientinnen tritt eine deutliche Verbesserung ein, die bei den meisten auch nach fast 20 Jahren noch anhält“, sagt der Chefarzt, der im Krankenhaus eine Langzeitbeobachtung dazu durchführt.

Hilfe bei Therapieversagen oder Komplikationen

Aufgrund der hohen Spezialisierung und großen Erfahrung nehmen viele seiner Patientinnen einen weiten Weg auf sich, um in die Ambulanz des EV zu kommen. So auch, wenn sie bereits eine OP hinter sich haben, aber nicht zufrieden sind mit den Ergebnissen. „In solchen Fällen haben die Frauen oft besonders viel Angst, sich wieder einem Eingriff zu unterziehen, allerdings können wir den Betroffenen fast immer mit einer Korrektur helfen.“

Es sei wichtig für Betroffene, trotz Scham über die Probleme zu sprechen, bevor sie durch die Einschränkungen in die Isolation getrieben werden. „Ich habe ein neues Leben“, diesen Satz höre er häufig von seinen Patientinnen. „Vielen wird bewusst, dass sie nicht so lange hätten leiden müssen“, sagt Dr. Augenstein, der seine Patientinnen immer dazu ermutigt, das Tabuthema zu brechen.

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Die richtige OP: So lange beraten lassen, bis Sie sich sicher sind

Im Evangelischen Krankenhaus werden verschiedene, international etablierte OP-Techniken eingesetzt. Dr. Augenstein rät: Sich richtig beraten lassen und zwar so lange, bis man seine Therapiemöglichkeiten auch wirklich verstanden hat. „Wir behandeln nicht nur im Einverständnis, sondern im Verständnis mit den Frauen.“

Neben einer Botoxbehandlung und Blasenschrittmachern hat sich bei Inkontinenz vor allem die „Bändchen-OP“ als weltweiter Standard etabliert. Dabei wird ein Bändchen unter die Harnröhre eingelegt, damit der Blasenverschluss  dort bei einer Druckerhöhung, wie etwa beim Niesen, verstärkt wird.

Bei Senkungsbeschwerden kommen andere Techniken zum Einsatz. Früher umstritten, mittlerweile jedoch international bewährt, haben sich großflächige Beckenbodennetze – eine Methode, die vom Evangelischen Krankenhaus mit entwickelt wurde. Die dabei eingesetzten Netze aus Kunststoff bringen die abgesenkten Organe wieder in ihre natürliche Position und verwachsen mit dem Gewebe, bevor sie sich endgültig auflösen.

„In den Anfangsjahren dieser OP-Technik gab es durchaus auch Probleme,  wie bei jeder neuen OP-Technik“, sagt Dr. Augenstein. „Doch das Material und die Technik haben sich im Laufe der Jahre sehr verändert und enorm weiterentwickelt“, versichert der Facharzt.

Kontakt

Sprechzeiten nach Vereinbarung. Benötigt wird eine Überweisung von einem niedergelassenen Facharzt. Anmeldung über die gynäkologische Ambulanz.

Tel. 0441 236 735